Ein Reise-Backstagebericht

Kommt es Euch beim Lesen unserer Reiseberichte auch so vor, als sei für uns alles perfekt und irgendwie ist es doch doof, dass Ihr an kälteren und langweiligeren Orten sitzt? Wir Hamburger sagen ja dann gerne: Okay, mal Butter bei die Fische. Hier ein schonungsloser und kleiner Einblick, wie es Backstage bei uns aussieht; wie alles begann und sich bis heute entwickelt hat. Menschlich gesehen.

Und es startet mit dem Grundlegenden: Es gibt keine so weite und lange Reise ohne Vorbereitungen. Diese nahmen bereits am 3. Juli 2016 ihren Anfang und an Intensität bis zum Abflug progressiv zu. Manifestiert in allerlei Maßnahmen, mit Synapsenfasching und langen A-bis-Z-Diskussionen – ‚Wer nimmt wieviele Klamotten mit?‘ über ‚Wer wird auf unsere Wohnung aufpassen?‘ (ein lieber Gruß an Djure, dem wir unser Hab und Gut anvertraut haben; es ist bis heute die richtige Entscheidung) und ‚Wird der Pups in der Kraxe gut pennen können und welchen Brei gibt es eigentlich in Neuseeland? Sollten wir schon mal Sorry-Zettel an die anderen Fluggäste verteilen?‘ bis zu ‚Wo wollen wir überhaupt langcruisen?‘. Ja, sicherlich sind das alles Fragen, die schnell und leicht beantwortet sind. In der Theorie. Praktisch sind die Antworten bis zum Abflug wie in einer Waschmaschine durch diverse Spülgänge gerutscht, gemangelt und geschleudert. Und selbst kurz vor dem Boarding ist die Findungsphase häufig nicht ganz abgeschlossen.

Flüge gestalten sich als Hochleistungsmarathon für jeden Puls. 28 Stunden am Stück wachsam sein, kommt nicht oft vor. Die Blicke der anderen Passagiere stechen wie Tausend Nadeln, die Baby-Wanne zum Schlafen ist leider kein Mittel zum Zweck und der Rest des Flugs kurz nach Lüneburg ist eher ein Überlebenskampf der Mutter, vom schlafenden 11kg-Kind nicht erdrückt zu werden. Da beide ja auch mal schlafen wollen. Der wachsende Bewegungsdrang von Paul tut das Übrige. So sind die Eltern bei der Landung auch mit den Nerven am Boden; haben dazu aber ein vergnügtes Kind auf dem Arm, das erste Freundschaften mit dem Bodenpersonal schließt.

Nun sind wir seit über sechs Wochen auf Reisen. Heute richtet sich der Alltag sehr viel (Anm. d. Red.: komplett) nach den Bedürfnissen von Paul. Wir bestimmen die Fahrzeiten und Fahrtlängen der Abschnitte nach seinen Schlafenszeiten vormittags und nachmittags. Einfach losheizen und mal hier oder dort anhalten, vielleicht sogar 500 Kilometer durchfahren, um einen Tag zu gewinnen, wäre mit viel Protest verbunden. Und den ersparen wir uns freiwillig. Ihm zu Liebe und zur Liebe unserer Nerven. Das führt so weit, dass wir an Sights wie der alten Goldgräberstadt Lyell vorbeirauschen, weil der Lütte gerade schläft. Und wir bereuen es nicht, wenn uns ein gut gelauntes, ausgeschlafenes Baby angrinst. 

Diese Strategie zieht sich bis zu den Bergtouren, die wir in den Alpen (gerade sind wir in Wanaka) laufen. Hier ist von Vorteil, den kleinen Mann schon vor Antritt des Aufstiegs k.o. zu spielen, damit er in der Kraxe sein Nickerchen halten kann. Zudem wird die Tour dann durch einen langen Lunch pausiert. Denn Futter ist für den Zwerg aktuell die zweitliebste Beschäftigung (erstere: alles in den Mund nehmen und dabei so viele Keime aufzunehmen, dass er gegen alles auf der Welt resistent geworden ist, wenn wir wieder in Hamburg sind).

Es gibt auch viele Aktivitäten, die wir gerne machen würden, die sich jedoch mit Paul schwierig gestalten: Touren durch die verschiedenen Wineries, Tauchen gehen, Kayak fahren, auf Hütten in den Alpen wandern und von Hütte zu Hütte springen, Fallschirm oder Bungee jumpen, an Wet-T-Shirt-Contests teilne… oh, wait… äh, lassen noch ein paar Jahre auf sich warten. Stattdessen freuen wir uns über Spielplätze, Parks und andere Kinder in seinem Alter. Networkbuilding for the win, sozusagen.

Dann ist da noch das Spannungsdreieck Paul-Vitesse-Florian. Es begleitet uns auf der gesamten Reise. Was zwar seit der Geburt des Zwergs existiert, intensiviert sich unterwegs um das Zehnfache. Es ist der Gradmesser für das Miteinander unserer kleinen Familie: Ob Spannungen, Ärger oder schlechte Laune – tanzt eine Ecke aus der Reihe, sind die anderen beiden Ecken betroffen. Ein ausgeglichenes Eckenverhältnis lässt sich nur durch locker bleiben, Quatschmachen und viel Lachen aufrecht erhalten. Dass das dauerhaft nicht der Fall sein kann, ist klar. Es sind vor allem die einzelnen Bedürfnisse, die den größten Einfluss auf die Ecken haben. Und gerade die Bedürfnisse von Paul haben Vorfahrt. Nun, dass das auf die Eltern zurückfällt, liegt auf der Hand. 
Demnach erzeugt die Reise neben wunderbaren Momenten und unvergleichlichen gemeinsamen Erlebnissen auch Reibung, die zum Antrieb der Familie Schleinig geworden ist. Denn die Reibung erzeugt die notwendige Energie für Verhaltensänderungen und wichtige Gewitter, um die Luft zu reinigen. Sie kann, wenn zu viel Energie erzeugt wird, alles zum Schmelzen bringen, doch im richtigen Maß Motor und Antrieb für gemeinsames Wachsen sein. Sie erzeugt Wärme. 

Ihr seht, Reisen mit Baby/Kleinkind ist im Grunde easy. Alles, worauf man achten sollte: auf die Bedürfnisse der anderen Mitglieder der Familienreisegruppe und den Respekt ihnen gegenüber. Dann kann man alle Untiefen und Schlechtwetterzonen umschiffen und sich auf sonniges Wetter freuen.

So no worries, mates.

Eure Schleinigs

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s